Reflexionen zu meiner Forschung

„Mit dem Verlust der Geduld, mit der Ungeduld, beginnt im Gegenteil eine Bewegung, die sich auf alles erstrecken kann, was vorher hingenommen wurde.“

(Albert Camus, Der Mensch in der Revolte 2013, 28)

Versuche, gegenwärtige Lebenswelten zu erklären, können scheitern. Denn, alles, was über uns Menschen heranbricht – ist neu, nie da gewesen. Und, bevor Forschung den Geschehnissen näher kommt – bemüht, die Verworrenheit dessen, was gesagt und getan wird, zu durchdringen – sind die Sätze schon alt, die Taten vergessen, Menschen mit neuen Problemen befasst. Also muss die Forschung mit der Geschwindigkeit der Bewegungen Schritt halten. Das Gewesene dagegen kann immer wieder in einem neuen, ggf. tieferen und klareren Licht erscheinen, wenn die Erkenntnisse sich aneinanderreibend den Wahrheiten näher kommen [siehe Publikationen 2019a]. Ob das für das Verständnis der Gegenwart nützlich ist? Vermutlich.

Meine sozialwissenschaftliche Perspektive auf die gegenwärtigen Phänomene verschränkt sich mit dem Blick auf Ausschnitte des Vergangenen. Das sind zuerst die Bemühungen, widerständige Praktiken [2012] im Nationalsozialismus zu verstehen: Wie kommt es dazu, dass individuelle Schranken der Angst, Konformität, und der Liebe zum Leben überwunden werden und ein Mensch die Zumutung eines Regimes nicht (mehr) hinnimmt? Dabei riskiert dieser Mensch in einem Regime, anders als in einer Demokratie, das wichtigste – sein Sein in der Welt zu verlieren. Komplementär dazu stellt sich die Frage: Was sind die Antriebskräfte der Regime [2026], das individuelle und kollektive Handeln, das Grausames hervorbringt – Demütigung, seelische und physische Verstümmelung, Tod, Deportationen, territoriale Besatzungen? Diese Antriebskräfte folgen nicht immer bösartigen, sondern auch, in den Logiken der Regime, edlen Motiven. Wie kommt es also dazu, dass sich die Gegenwart so uneindeutig präsentiert, und moralische Positionierungen zu den Praktiken der Gegenwart in einer späteren Phase erst eindeutiger, wenn überhaupt, werden? Das NS-Regime, der Faschismus, die kolonialen Regime – sie werden heute mehrheitlich verurteilt. Doch waren sie von Monstern gemacht? Sie wurden von „unseren“ Vorfahren aufgebaut. Und diese Vorfahren haben die menschenverachtende und vernichtende Kraft der von Menschen, Institutionen und Gesetzen hervorgebrachten Regime nicht oder zu spät erkannt.

Milena Jesenská [2024] war (nur) eine der vielen mutigen Frauen, die sich sowohl dem NS- als auch dem kommunistischen Regime entgegenstellten. Sie ist im KZ-Ravensbrück umgekommen. Franz Kafka schrieb ihr im Juni 1920:

„Du hast einen durchdringenden Blick […] Du hast den Mut dieses Blicks und vor allem die Kraft noch weiterzusehn über diesen Blick hinaus […].“

Kafka Briefe 1995, 74

Er beschrieb Jesenská aber auch die antisemitische Stimmung [2025] in Prag im November 1920:

„[…] Und am Ende stößt er noch in der Eisengasse auf einen Volkshaufen, welcher auf Juden Jagd macht.“

Kafka Briefe 1995, 295

Antisemitismus, Nationalismus, rassistische Ideologien haben Europa zerstört. Wie schon zuvor europäische Staaten, rassistisch und imperial motiviert, außereuropäische Regionen kolonisiert, Menschen ausgebeutet oder ermordet hatten. Koloniale Ausbeutungs- und Vernichtungsstrategie setzte auch die kommunistische Großmacht Sowjetunion in Ostmitteleuropa [2026b] durch, zuerst mit Hilfe des NS-Regimes und dann mit der Zustimmung der Alliierten.

Und was geschieht jetzt? Sind wir nach wie vor in koloniale Praktiken verwickelt, schauen wir der wirtschaftlichen Ausbeutung [2029a] zu, und nehmen womöglich teil am Entstehen neuer faschistischer Regime? Wie hat sich Autoritarismus [2026a] seit der Forschung der Berkeley Gruppe in den 1940er Jahren, die die autoritären Strukturen als eingelassen in die Familie und Erziehung untersucht hat, gewandelt? Ist die von Else Frenkel-Brunswik [2022] erforschte Unfähigkeit, Komplexitäten und Ambivalenzen in den Phänomenen zu erfassen, das Kernproblem? Ist die psychoanalytische Perspektive ein aufschlussreiches Instrument zur Erforschung von autoritären Strukturen oder sind eher Ideologikritik, Kritik der Klassenverhältnisse, bzw. der Vernunft, der Moderne, zentrale Zugänge?

Daraus erwachsen unterschiedliche programmatische Tendenzen für die Bildung und Erziehung von Kindern und jungen Menschen, für pädagogische Konzepte und Curricula. Aber, ist Bildung im Kontext der gesellschaftlichen Realität überhaupt wirkmächtig? Es gibt Schritte, die gemessen an Menschenrechten [2022a] auf positive Entwicklungen hindeuten. Bildungsinstitutionen haben Programme für Diversity [2019] und Inklusion etabliert, feministische Perspektiven [2015] können nicht ignoriert werden, Migration und Rassismus [2026], wie auch Demokratie und Populismus sind wichtige Forschungsfelder, deren Erkenntnisse in die Bildung diffundieren. Epistemologien [2019a] reflektieren diskursiv ihre Instrumente und sprechen vielstimmig. Über die Zukunft lässt sich jedoch nichts aussagen.

« zurück